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Die Wissenschaft im Wartezimmer (Teil 2) – Entspanntes Ambiente verkürzt die Wartezeit

Bilder im Wartezimmer verkürzen die Wartezeit

Bilder im Wartezimmer verkürzen die gefühlte Wartezeit (© OptonicaLED Austria)

Im ersten Teil fanden wir heraus, dass es zu einer Reizüberflutung kommen kann, wenn Duft und Musik gleichzeitig in Warteräumen eingesetzt wurden. Im heutigen Artikel beschäftigen wir uns mit visuellen Komponenten. Allen voran mit Naturbildern oder Naturvideos. Ist es tatsächlich möglich, die gefühlte Wartezeit mit ein paar Bildern zu verkürzen?

Ein wenig Theorie muss leider sein…

Bevor wir zur Studie kommen, muss geklärt werden, warum solch einer Behauptung überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Unabhängige Studien kommen zum selben Ergebnis:

Die Wartezeit vor der Behandlung ist ausschlaggebend für die Gesamtbewertung des Besuchs beim Arzt oder Therapeuten.

Dabei ist nicht die tatsächliche Wartezeit ausschlaggebend, sondern die subjektiv empfundene. In der Praxis gibt es verschiedenste Methoden, die Wartezeit des Patienten zu “versüßen”. Ein paar davon werden dir sicher bekannt sein:

  • Angebot von (aktuellen) Zeitschriften
  • Ein Fernseher im Warteraum
  • Im Sinne der Digitalisierung: Ein frei zugängliches (funktionierendes!) WLAN
  • etc.

Dem Patienten wird also ein Medium angeboten, das ihn vom Warten ablenken soll. Problematisch wird dies beim Einsatz von Fernsehern oder anderen Bildschirmen mit Präsentationen. Hier ist eine objektive Zeitwahrnehmung möglich (“Jetzt sehe ich diesen Teil schon wieder,…”), die sich wiederum negativ auf die gefühlte Wartezeit auswirken kann.

Die subjektive Wartezeit ist aber auch vom Gemütszustand des Patienten abhängig. Stress, Sorge und Furcht verlängern die subjektive Wartezeit. Vergangene Studien weisen darauf hin, dass visuelle Elemente wie Bilder oder Gemälde eine besänftigende Wirkung auf das Gemüt haben. Wissenschaftler wollten nun herausfinden, wie genau sich Naturbilder und -videos in Warteräumen auf gestresste Menschen auswirken.

Der Testablauf

Das Experiment wurde in den Warteräumen zweier Notaufnahmen in Krankenhäusern in Houston durchgeführt. In dieser Versuchsumgebung konnte davon ausgegangen werden, dass sich die Patienten in einer größtmöglichen Stresssituation befinden, ein (für das Experiment) perfekter Ausgangszustand.

Das Verhalten der Versuchspersonen wurde in drei Kategorien eingeteilt:

  1. Distraction activity
    Das sind jene Handlungen, bei denen mit einem Gegenstand interagiert wird: Telefonieren, fernsehen, lesen, Laptop benutzen und auch aus dem Fenster schauen.
  2. Non-distraction activity
    Handlungen, bei denen mit keinem Gegenstand interagiert wird: Essen, trinken, Leute beobachten, mit anderen Leuten reden, “dösen” oder sich hinlegen.
  3. Ruheloses/besorgtes Verhalten
    Handlungen, die Sorge und Stress anzeigen: Am Empfangsschalter nachfragen, den Sitzplatz verlassen, den Sitzplatz wechseln, herumgehen, zappeln, dehnen und aggressives Verhalten (schreien, schimpfen, Unruhe stiften).

Das Ergebnis

Top-5 Verhalten im Wartezimmer

Top-5 Verhalten im Wartezimmer

Tabelle 1 zeigt die Top-5 Handlungen der Kategorie 3 (Ruheloses/besorgtes Verhalten) an beiden Versuchsstandorten jeweils vor und nach dem Einsatz von Bildern/Gemälden.

Vergleich von Verhalten im Wartezimmer

Vergleich von Verhalten im Wartezimmer

Tabelle 2 vergleicht das veränderte Verhalten nach dem Einsatz von Bildern/Gemälden an beiden Versuchsstandorten.

Welche Erkenntnisse lassen sich nun aus der Studie ableiten?

  1. Eine signifikante Abnahme bei fast allen ruhelosen Verhaltensmerkmalen (Kategorie 3) an beiden Standorten.
    Die Autoren schreiben diesen Erfolg der visuellen Ablenkung zu. Testpersonen hatten zusätzliche Gegenstände (Bilder), auf die sie sich konzentrieren konnten. Außerdem haben Bilder mit Motiven aus der Natur eine beruhigende Wirkung. Zu dieser Erkenntnis gelangte man durch den Vergleich der wesentlich unterschiedlichen Lärmpegel, jeweils vor und nach dem Eingriff in das Experiment. In der Situation mit Bildern/Gemälden war es im Warteraum leiser als in der Situation ohne Bilder. Der Empfangsschalter wurde weniger häufig aufgesucht, was auch Vorteile für das Krankenhaus hat. Das Personal muss weniger Zeit mit der Betreuung von gestressten Wartenden aufwenden. Das führt dazu, dass das Krankenhauspersonal selbst weniger negativ beeinflusst wird und mehr Zeit für andere Aufgaben hat.
  2. Die Abnahme von “beobachtendem Verhalten” (zB. das Anstarren von anderen Leuten) war an beiden Standorten zu verzeichnen.
    Dies erhöht vor Allem die Privatsphäre der wartenden Patienten. Von Fremden angestarrt zu werden, kann als sehr unangenehm empfunden werden. Vor allem wenn man krank ist oder sich ohnehin schon in einer außergewöhnlichen Stresssituation befindet.
  3. Die Reduktion von Lärm an beiden Standorten.
    Eine Verringerung von durchschnittlich 6 Dezibel war zu messen – ein für den Menschen hörbarer Unterschied. Vergangene Studien zeigten, dass ein erhöhter Lärmpegel unweigerlich zu Stress führt. Laut den Autoren der aktuellen Studie führt das wiederum zu Handlungen, die zusätzlichen Lärm erzeugen (Empfangsschalter aufsuchen, Unruhe stiften,…).

Kurz zusammengefasst…

Das Aufhängen von Bildern und Gemälden (oder das Zeigen von Videos) mit Motiven aus der Natur haben folgende Auswirkungen:

  • Reduktion von unruhigem Verhalten
  • Verringerung des Stress-Levels
  • Erhöhung der Privatsphäre von Patienten
  • Geringerer Lärmpegel

All diese Aspekte führen zu einem entspannten Ambiente im Wartezimmer. In einer angenehmen Umgebung ist auch die subjektive Wartezeit des Patienten kürzer. Das führt zu einer insgesamt positiveren Bewertung des Besuchs beim Arzt oder Therapeuten.

Am Ende noch ein wenig Kritik

In dieser Studie fehlte eine wichtige, qualitative Komponente. Die Probanden wurden während des Versuchs nicht interviewt um ihre persönlichen Eindrücke zu dokumentieren. Die Ergebnisse der Studie wurden dementsprechend nur aufgrund von Beobachtungen erzielt. So wurde beispielsweise nicht festgestellt, ob Patienten die Bilder überhaupt wahrgenommen hatten… Ebenso wurde nicht gefragt, ob sich die subjektive Wartezeit der Patienten in den zwei Versuchs Situationen verändert oder verbessert hat.

 

Für mich war es sehr spannend, mit den letzten beiden Blog-Artikeln den psychologischen Hintergründen im Wartezimmer auf den Grund zu gehen. Ich hoffe auch du hattest Gefallen daran. Wenn du gerne detailliertere Infos zum Thema hättest oder einen ganz anderen Themenvorschlag für zukünftige Beiträge hast, freue ich mich auf deine E-Mail an paul@appointmed.com.


Quellen

Nanda, Upali, et al. „Impact of visual art on patient behavior in the emergency department waiting room.“ The Journal of emergency medicine 43.1 (2012): 172-181.

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