Show Notes #02: Selbständig machen als PhysiotherapeutIn – Was sind die ersten Schritte?

Lesedauer: 6:00 Minuten
Die ersten Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit als Physiotherapeutin

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In diesem Artikel dreht sich alles um das Thema Selbstständigkeit in der Physiotherapie. Was sind die Vor- und Nachteile gegenüber einer festen Anstellung? Wie viel Berufserfahrung ist nötig und mit wie vielen PatientInnen kann man eigentlich starten?

Julian und Christian erzählen von ihren Erfahrungen auf dem Weg in die Selbstständigkeit und geben hilfreiche Tipps.

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Wann stand der Beschluss fest, dass ihr euch selbstständig machen wollt?

Christian: Für mich stand schon während der Studienzeit fest, dass ich zuerst in ein Angestelltenverhältnis gehen möchte. Der Plan war, mich in den ersten Jahren in einem Team zu etablieren, (Berufs-)Erfahrungen zu sammeln und mich auszutauschen. Nach dem Abschluss, als ich mit der Arbeit begonnen habe, hatte ich noch sehr wenig Ahnung von der Materie.

Meine ersten ArbeitgeberInnen haben mir sehr weitergeholfen bei der Finanzierung meiner Aus- und Weiterbildungen. Sie haben mir vor allem auch Zeit im Sinn von Sonderurlaub zur Verfügung gestellt.

Wenn man von Beginn an 100% selbstständig unterwegs ist, dann muss einem klar sein, dass man für Urlaub und sämtliche Kosten selbst aufkommen muss.

Julian: Bei Christian war es damals auch so, dass man noch mindestens ein Jahr lang angestellt sein musste, bevor man in die Selbstständigkeit wechseln konnte. Das war bei mir, ein Jahr später, nicht mehr der Fall. Bei mir ist die Idee, in die Selbstständigkeit zu gehen, bereits in der Grundausbildung gewachsen. Ich habe das Angestelltenverhältnis und die Selbstständigkeit relativ zeitgleich angefangen.

Was war die Motivation für die Selbstständigkeit?

Christian: Meine Motivation war, dass man bei den Behandlungen „sein eigenes Ding durchziehen“ konnte. Man behandelt eine/n PatientIn während der gesamten Therapieserie. Das ist im Angestelltenverhältnis nicht so. Da wechseln die TherapeutInnen schon ‚mal.

Julian: Mich haben die spannenden Erfahrungsberichte und Beispiele der Vortragenden motiviert in die Selbstständigkeit zu gehen. Im Zuge der Praktika war das physische Kennenlernen der Physiotherapie schlussendlich das, was mich in die Freiberuflichkeit geführt hat.

Christian: Besonders die Mischung aus angestellt und selbstständig sein finde ich sehr gut. Nebenbei arbeite ich 20 Stunden im Landesklinikum. Das gibt mir aktuell eine gewisse Sicherheit, für meine Familie und für mich. Der Nachteil ist natürlich, dass ich in meiner Praxis weniger Zeit für PatientInnen habe. Ich habe kürzere Zeit-Slots und bin zeitlich einfach limitiert, mit der Anzahl der Termine. Außerdem hat man das Gefühl, dass man beide Teile nur zur Hälfte ausüben kann. Auch im Angestelltenverhältnis ist man nicht mehr voll im Tages- und Wochenplan eingegliedert, da läuft schon einiges an einem vorbei.

Julian: Abgesehen von der Sicherheit des Angestelltenverhältnisses, ist das Lernen und Probieren vor allem als BerufsanfängerIn unter den Fittichen von KollegInnen ganz angenehm. Das ist etwas, das rein selbstständige PhysiotherapeutInnen durchaus vermissen. Ansonsten ist in der Selbstständigkeit natürlich die freie Gestaltungsmöglichkeit und die Eigenverantwortung sehr angenehm. Das wertet die Arbeit nochmal auf, find ich.

Wie viel Berufserfahrung ist eurer Meinung nach für die Selbstständigkeit notwendig?

Julian: Aus heutiger Sicht wäre ein Rahmen von 1-3 Jahren im Angestelltenverhältnis sinnvoll. Man kommt in den beruflichen Alltag hinein und kann sich schon ‚mal grob orientieren, wohin es gehen soll.

Christian: Da kann ich Julian beipflichten. Nach Abschluss der Ausbildung an der FH hatte ich absolut nicht das Selbstvertrauen und die Sicherheit, um sofort in die Freiberuflichkeit zu starten. Aus heutiger Sicht würde ich auch sagen, dass 2-3 Jahre ein sehr guter Rahmen sind, in dem man Praxiserfahrung sammeln kann.

Das Problem ist leider, dass es aktuell an freien Stellen mangelt. Man hat gar nicht die Chance in ein Angestelltenverhältnis zu starten. Sehr viele AbsolventInnen sind gezwungen gleich in die Selbstständigkeit zu gehen. In so einem Fall wäre es natürlich fein, wenn man wenigstens in eine Praxengemeinschaft einsteigen kann, sofern es dort Unterstützung beim Know-How gibt. Optimal wäre ein Team, dass eine/n junge/n PhysiotherapeutIn heranzieht und aufbaut.

Gibt es neben Berufserfahrung und Startkapital noch etwas Essentielles für den Start in die Selbstständigkeit?

Julian: Vor allem die Fähigkeit reden zu können (lacht). Die Argumentation, von dem was man tut, ist durchwegs relevant. Man sollte seinen PatientInnen verständlich und evidenzbasiert, nach bestem Wissen und Gewissen, erklären können, wie man sie therapiert.

Christian: Die Frage ist, ob man das nach drei Jahren FH schon drauf hat…

Julian: Neben Startkapital und Räumlichkeiten, sollte man sich auch Gedanken über die eigene Weiterbildung machen. Denn diese muss auch finanziert werden ist relativ zeitaufwendig.

Wenn man sich in der Physiotherapie bzw. im medizinischen Bereich nicht weiterbildet, dann hinkt man rasch hinten nach.

Olga: Zum Thema formale Voraussetzungen: Was braucht man überhaupt, um sich als PhysiotherapeutIn selbstständig machen zu dürfen?

Christian: Man braucht eine abgeschlossene Physiotherapieausbildung und muss seit 2018 im Gesundheitsberuferegister registriert sein. Alle Infos dazu haben wir von Physio Austria bekommen. Für PhysiotherapeutInnen kann dies eine sehr wertvolle Informationsquelle sein.

Mit wie vielen PatientInnen habt ihr in die Selbstständigkeit gestartet?

Christian: Angefangen habe ich mit ca. 2-3 PatientInnen in der Woche. Allerdings war ich damals noch in einem 40 Stunden Job beschäftigt. Danach habe ich jahrelang 30 Stunden angestellt gearbeitet. Ich habe nebenbei ein Haus gebaut und war in diversen Weiterbildungen und Projekten involviert. Mehr als 5-6 PatientInnen in der Woche waren somit nicht möglich. Seit 1,5 Jahren arbeite ich nun 20 Stunden und habe einen neuen Praxisstandort eröffnet. Mittlerweile behandle ich zwischen 10 und 20 PatientInnen in der Woche.

Julian: Bei mir war das ähnlich. Ich habe auch mit 40 Stunden begonnen, dann auf 30 und mittlerweile auf 20 Stunden reduziert. Das war dank unserer Arbeitgeber zum Glück möglich. Ich habe das Gefühl, dass eine 20 Stunden Anstellung momentan im Trend ist. Junge TherapeutInnen wollen weniger Stunden arbeiten, um so auch die eigene Selbstständigkeit voranzutreiben.

Olga: Wollt ihr irgendwann komplett Selbstständig sein?

Christian: Aus jetziger Sicht geben mir die 20 Stunden Angestelltenverhältnis eine gewisse Sicherheit. Vor allem in der Pandemie hat man gesehen, wie schnell etwas passieren kann. Es ist eine gewisse Unsicherheit drin. Die Leute sind verunsichert; und es bleiben PatientInnen zuhause obwohl wir nie behördlich geschlossen wurden. Sowas kann natürlich wieder passieren. Ich war damals froh, dass ich meine 20 Stunden im Landesklinikum hatte, denn ich hab mir keine Sorgen machen müssen. Diesen Benefit werde ich die nächsten Jahre sicher noch beibehalten.

Julian:

Durch das Extrembeispiel einer Pandemie, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben verstanden, was meine Eltern mit der „Sicherheit eines Arbeitgebers“ meinen.

Das war für mich augenöffnend. Eine/n ArbeitgeberIn zu haben, die/der dich nicht sofort auf die Straße stellt und finanziell abgesichert, ist etwas tolles.

Christian: Ich kenne aber auch PhysiotherapeutInnen, die vollständig in der Selbstständigkeit sind und die Pandemie auch überstanden haben. Man sollte nicht zu unsicher sein, denn in Österreich sind wir alle relativ gut abgesichert. Durch die ganzen Unterstützungspakete, sind die meisten TherapeutInnen ganz gut durch die Krise gekommen.

Zusammengefasst: Was spricht für euch für und was gegen die Selbstständigkeit?

Julian: Für die Selbstständigkeit spricht auf jeden Fall das Arbeiten nach dem eigenen Schema – also auch die Flexibilität in der Gestaltung. Für das was man tut, muss man eben auch gerade stehen.

Christian: Dagegen spricht das kleine Netzwerk an BerufskollegInnen bzw. FachkollegInnen aus dem medizinischen Bereich. Im Angestelltenverhältnis arbeitet man enger zusammen und kann sich austauschen.

Spielst Du auch mit dem Gedanken Dich Selbstständig zu machen? Dann verpasse auf keinen Fall den nächsten Artikel, in dem es um notwendige Behördenwege rechtliche Voraussetzungen für die Selbstständigkeit in Österreich gehen wird.

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Alle Episoden

  1. Wer wir sind und wieso wir einen Podcast, speziell für PhysiotherapeutInnen machen
  2. Selbständig machen als PhysiotherapeutIn: Was sind die ersten Schritte?
  3. Welche Behördenwege erwarten mich als selbstständige/r PhysiotherapeuIn?
  4. Eine eigene Praxis oder in die Gemeinschaftspraxis: Was sind die Vor- und Nachteile?

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