Healing Architecture: Warum Raumgestaltung über den Erfolg Deiner Praxis entscheidet (mit Thomas Abendroth)
Seit über 30 Jahren spezialisiert sich Thomas Abendroth auf die Gestaltung von Arzt- und Therapiepraxen, lehrt an der TU Wien und ist Vortragender bei der Ärztekammer Wien. Im Interview erklärt er, was Healing Architecture konkret bedeutet, warum eine gut gestaltete Praxis kein Luxus, sondern ein wirtschaftlicher Faktor ist.

Der Raum ist ein Behandlungsinstrument
In dieser Folge sprechen wir mit Dipl.-Ing. Thomas Abendroth, Architekt und Ziviltechniker, Gründer von MedLounge und Experte für Praxisgestaltung. Er erzählt, wie Farben, Licht, Materialien und Grundrisse den Heilungsprozess und das Vertrauen der PatientInnen beeinflussen – und warum zur Präsentation der eigenen Professionalität nicht am falschen Ende gespart werden sollte. Ein Gespräch über Healing Architecture, die Wirkung von Farben, die Digitalisierung der Praxisräume und darüber, mit welchen kleinen Investitionen man den größten Unterschied macht.
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Was bedeutet Healing Architecture eigentlich ganz praktisch?
Healing Architecture kommt ursprünglich aus dem Krankenhausbereich. Bei einer bekannten Studie zu diesem Thema hat man Patientenzimmer untersucht, die straßenseitig liegen, und mit gartenseitigen Zimmern verglichen – und die gartenseitigen PatientInnen konnten einfach früher entlassen werden. Der Raum hat also eine Auswirkung auf den Prozess, der in ihm stattfindet. Das kann man sich in der Raumgestaltung für Arztpraxen und Therapieinstitutionen zunutze machen: Farben, Materialien, deren Kombination, das Licht, der Geruch.
Wenn man wertige Materialien verwendet, zeugt das auch von Respekt für die KlientInnen, denen man helfen möchte.
Natürlich sind Therapeutin und Therapeut das Wichtigste – aber auch sie haben menschliche Grenzen, und der Raum kann sie unterstützen. Das, was man von der Raumseite dazu tun kann, sollte man ausnutzen, und dafür sollte man ExpertInnen beiziehen. Bei einem Arztbesuch geht man ja auch zum Experten und nicht zu irgendwem.
Ist eine schön gestaltete Praxis wirklich nur Luxus?
Nein, ganz und gar nicht – die Raumgestaltung ist ein wirtschaftlicher Faktor. Es wird oft gesagt, die Gestaltung sei unwichtig, weil man ohnehin einen Kassenvertrag hat und die Leute sowieso kommen. Das stimmt einfach nicht. Wenn ein/e PatientIn im Warteraum länger warten muss als ausgemacht, beginnt eine gewisse Unzufriedenheit. Wir bekommen bei unseren Projekten Rückmeldungen wie „das ist ja wie im Fünf-Sterne-Hotel“ – und wer in einem angenehmen, professionell wirkenden Ambiente wartet, wird nicht so schnell ungehalten. Das wirkt sich aufs Personal und aufs Betriebsergebnis aus. Und man weiß, was ein Tag im Krankenhaus kostet.
Wenn PatientInnen in gartenseitigen Zimmern früher entlassen werden können, ist das bares Geld. Zu sagen, Innenarchitektur sei Luxus, den man sich sparen kann, ist einfach nicht richtig.
Worauf kommt es bei einer gut gestalteten Ordination wirklich an?
Das Allerwichtigste ist ein logistisch optimierter Ordinationsgrundriss – das ist die Basis.
Darauf aufbauend geht es darum, die Bedürfnisse der PatientInnen zu befriedigen: Sicht nach draußen, Schutz der Privatsphäre, Tageslicht, gute Akustik. Je besser die Aufenthaltsqualität im Wartezimmer, desto reibungsfreier verläuft der Praxisalltag. Bei den Materialien geht es nicht darum, teure Dinge einzukaufen, sondern Industrieprodukte wie Boden, Leder, Schichtstoffplatten und Holz geschickt zu kombinieren – daraus entsteht ein harmonisches Ambiente.
Man braucht nicht den berühmten goldenen Wasserhahn, um Atmosphäre zu erzeugen, sondern das Vermögen, mit Farben, Materialien und Proportionen umzugehen.
Das ist etwas, das man bei ExpertInnen bekommt. Wir machen das zum Beispiel seit 30 Jahren – da ist ein gewisses Repertoire vorhanden.
Werden Farben und Materialien beim Praxisbau oft unterschätzt?
Ja, viele gestalten ihre Praxis selbst, ohne wirklich den Blick dafür zu haben. Bei uns ist es zum Beispiel so: In allgemeinen Bereichen, Wartebereichen und am Empfang setzen wir auf warme Farben. PatientInnen kommen mit einem Problem und sollen sich zunächst aufgehoben fühlen, Sicherheit und Geborgenheit spüren. Geht es dann zur Behandlung, sind die kühlen Farben dran – man möchte nicht, dass das Gemütliche in den Behandlungsbereich hineingetragen wird, da wird behandelt, es braucht Aufmerksamkeit und die Farbgestaltung schafft auch Vertrauen.
Wie stark Farben wirken, sehe ich immer wieder aufs Neue: Ich war einmal in einer psychotherapeutischen Einrichtung mit einem fast schwarzen, anthrazitfarbenen Raum – als Architekt finde ich das interessant, aber für ein Gespräch mit jemandem, der Depressionen hat, ist das schwierig. Im Nachbarraum mit großer Verglasung, Blick ins Grüne und lindgrünen Wänden war die Wirkung eine ganz andere. In einem Museum in Mönchengladbach gab es einen Besprechungsraum in Orange und Rot – ich habe körperlich gespürt, wie ich aggressiv wurde. Im Vortragsraum daneben, ganz in Lindgrün, habe ich dazu geneigt einzuschlafen. Eine interessante Vorgehensweise in Bezug auf die Wirkung von Farbe auf den Menschen: In US-amerikanischen Gefängnissen setzt man beispielsweise einen bestimmten Rosaton ein: Wenn Häftlinge randalieren, kommen sie in eine rosa Zelle, und der Puls geht runter.
Welche weiteren Elemente – Orientierung, Akustik, Gerüche – machen viel aus, ohne dass man gleich daran denkt?
Die Orientierung ist ein ganz wichtiger Faktor, weil Menschen meist zum ersten Mal in eine Behandlungsstätte kommen. Mit einem gut gemachten Grundriss lässt sich das schon vereinfachen: Man kommt rein und sieht sofort den Empfang, den Warteraum, die Toilette.
Durch klar ablesbare Raumelemente kann man vieles auch ohne Beschilderung lösen – erschließt sich der Raum nicht von selbst, ist man auf Schilder angewiesen.
Ein Beispiel zum Thema Akustik: Beim Besuch in einer Zahnarztpraxis geht es oft um kurzfristige Angst vor Schmerzen. Wenn man das Geräusch des Bohrers durch Musik maskiert, bringt das schon etwas. Auch bei Gerüchen kann man viel machen und so für Ablenkung sorgen.
Wie verändert die Digitalisierung die Anforderungen an Praxisräume?
Das etabliert sich gerade erst, aber unaufhaltsam. Wir bauen in jeder Ordination schon Positionen für Self-Check-in und LAN-Steckdosen ein, damit man nachrüsten kann. Das entlastet den Empfang – und der Empfang ist ja oftmals genau der Punkt, an dem es in der Ordination mal zu viel wird.
Ich betreue eine Ordination mit 500 PatientInnen pro Tag, da kann man architektonisch nicht mehr viel machen, das geht dann nur noch über Digitalisierung: Selbstterminisierung; Self-Check-ins; Apps, mit denen man vorab Patientendaten eingeben kann. Telemedizin wird speziell in Skandinavien schon stark eingesetzt, weil dort große Distanzen überbrückt werden müssen – bei uns mit der guten flächendeckenden Versorgung setzt sich das langsamer durch.
Wichtig ist, dass sich Arzt oder Ärztin und PatientIn zunächst einmal treffen, bevor telemedizinische Maßnahmen gesetzt werden. Und man braucht dafür auch räumlich zumindest einen eigenen Bereich, wo Telemedizin stattfinden kann – die Qualität von Übertragung und Hintergrund ist dabei sehr wichtig, gerade auf Patientenseite, weil der Arzt oder die Ärztin ja Mimik und Augen des Gegenübers lesen will.
Ist eine gut gestaltete Praxis eine wirtschaftliche Notwendigkeit oder doch Luxus?
Unser Beruf als Architekt ist es, Ordnung zu schaffen und optimale Bedingungen für ärztliches Handeln und das Zusammenwirken von PatientInnen und Personal zu legen – dazu gehört, diese Begegnungsorte zu gestalten.
Wenn jemand sagt, das brauche man nicht, es reiche, wenn alles weiß ist und man Möbel hineinstellt, dann sage ich: Kann man so machen, ist aber nicht klug. Es hat wirtschaftliche Relevanz, ob PatientInnen bei längeren Wartezeiten unzufrieden werden und zu einem anderen Arzt bzw. einer anderen Therapeutin gehen. Ich mache das jetzt schon einige Zeit, und man hat sich früher oft gewundert, wie heruntergekommen manche Kassenordinationen ausgeschaut haben – Kleiderständer auf Halbmast; hygienische Zustände, die man sich nicht vorstellen kann.
Wenn man mit einem Geldkoffer in ein Finanzinstitut hineingeht, das so aussieht, macht man wahrscheinlich am Absatz kehrt und geht heim. Aber mit der eigenen Gesundheit, dem höchsten Gut, geht man in so eine Praxis hinein.
Das hat sich gewandelt: Zunehmend haben WahlärztInnen begonnen, schöne Ordinationen gestalten zu lassen, und die KassenärztInnen ziehen nach – es gibt Konkurrenzkampf, und PatientInnen sind wählerischer geworden. Genauso wichtig wie die Architektur sind übrigens professionelle Fotos auf der Website – auch daran wird oft gespart, dabei ist es das Wichtigste überhaupt.
Was ist die minimale Investition, die sich am meisten auszahlt?
Das ist schwer pauschal zu sagen, weil jede Ordination eine andere Ausgangsbasis hat. Es gibt ÄrztInnen, die eine bestehende, vor 30 Jahren von einem Profi geplante Ordination übernehmen – der Grundriss funktioniert oft noch, aber der Stil der 80er-Jahre ist unübersehbar. Da kann man einfach die Oberflächen erneuern, wahrscheinlich das Empfangspult austauschen, und die Beleuchtung ist oft auch noch alt – früher hat man Spiegelrasterleuchten mit Leuchtstoffröhren gehabt, heute findet man überall LEDs – viel zarter und schlanker.
Die billigste Investition mit der größten Wirkung ist Farbe und Licht.
Was können kleinere oder neue Praxen von großen Ordinationen lernen?
Sich ExpertInnen für die Praxisgestaltung zu holen. Genauso wie man sich eine Steuerberatung sucht, die sich speziell mit Arztpraxen auskennt und Benchmarks von 20 AugenärztInnen, 20 OrthopädInnen und 20 psychotherapeutischen Praxen hat, oder eine Rechtsanwaltskanzlei, die ÄrztInnen betreut, gilt das auch bei der Praxisgestaltung. Wir als Ärzte-Spezialisten kennen sehr viele Ordinationen, müssen laufend vorhandene Räumlichkeiten – meist Umbauten – optimieren und das Maximale herausholen. Das ist unser Job, das haben wir im kleinen Finger, und diese Expertise ist wichtig.
Warum soll man das Licht der eigenen Professionalität unter den Scheffel stellen, nur weil man sich ein bisschen Geld sparen will oder glaubt, man kann es selbst machen? Das schadet am Ende nur einem selbst.
Wo findet man MedLounge, und wie können Sie bei der Praxisgestaltung unterstützen?
MedLounge findet man im Internet unter medlounge.at. Wir sind vernetzt mit unserem Umfeld – Steuerberatung, RechtsanwältInnen, ärztliche Beratung – und eigentlich Komplettanbieter: Generalunternehmer, Beleuchtung, Grafik – alles dabei. Ein echter One-Stop-Shop.
Unser Büro liegt am Naschmarkt in Wien, ist also zentral erreichbar – und unser Arbeitsgebiet reicht von Ostösterreich bis Salzburg, dazu haben wir ein weiteres Büro in Steyr in Oberösterreich. Wir haben schon alle ärztlichen Disziplinen bearbeitet und kennen uns einfach rundum aus.
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