Be bold: Von der Wirtschaft in die freie Praxis (mit Mag. Stephanie Stotzingen)
Stephanie Stotzingen ist Psychotherapeutin, psychologische Beraterin und Coach in freier Praxis in Wien – zuvor hat sie Karriere im Digital-Health-Bereich gemacht. Im Gespräch mit Adela Inzinger erzählt sie, wie aus der Wirtschaft die Psychotherapie wurde, was Online-Therapie kann und wo ihre Grenzen liegen, und welche Tipps sie selbstständigen TherapeutInnen für mehr Zufriedenheit im Praxisalltag mitgibt.

Hör' Dir die Folge auf Spotify an!
Um den Spotify Player anzuzeigen, aktiviere bitte Marketing-Cookies.
Alle Folgen auf: Spotify, Apple Podcasts, YouTube
Von der Wirtschaft in die Psychotherapie – eine konsequente Weiterentwicklung
Du hattest eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaft und im digitalen Gesundheitsbereich. Was hat Dich bewogen, den Kurs so zu ändern?
Die meisten denken, ich hätte die Wirtschaft für die Psychotherapie eingetauscht. Das stimmt so gar nicht: Für mich ist es ein Sowohl-als-auch, kein Entweder-oder. Ich liebe es, neue Themenfelder zu erschließen und mich weiterzuentwickeln – die Psychotherapie war für mich deshalb kein Neuanfang, sondern eine konsequente Weiterentwicklung. In meiner Praxis arbeite ich als Psychotherapeutin und psychologische Beraterin an persönlichen Themen, im Coaching aber auch an beruflichen. Das Wirtschaftliche ist also nach wie vor Teil meines Alltags.
Gab es einen Schlüsselmoment für den Schritt in die freie Praxis?
Bei mir war es ein schleichender Prozess. Ich glaube generell, dass große Lebensentscheidungen nicht von heute auf morgen passieren, sondern sich langsam – oder auch etwas schneller – entwickeln dürfen. Ich komme aus einer Familie, in der alle selbstständig sind. Der Start im Angestelltenverhältnis war wichtig, um viel zu lernen, aber ich habe immer gespürt: Ich möchte mein eigenes Ding machen.
In der Wirtschaft haben mich die Prozesse in Unternehmen interessiert, vor allem aber die Menschen dahinter. Unternehmen leben von Menschen, sie halten sie am Laufen. Mich hat das Verhalten der Menschen immer fasziniert, und da wollte ich tiefer hineingehen. Also habe ich mich für die Ausbildung zur Psychotherapeutin entschieden. Das ist kein einjähriger Kurs, da investiert man viele Jahre – gerade nach einer Ausbildung und langer Berufserfahrung ist das ein großer Sprung, den man sich gut überlegen muss. Aber es war mir ein so großes Herzensanliegen, dass ich mir gedacht habe: Das mache ich jetzt einfach.
Was nimmst Du aus Deiner Zeit in der Wirtschaft mit, das Dir heute in der Arbeit mit KlientInnen hilft?
Vor allem zwei Dinge. Das eine ist strukturiertes Denken. Wenn Menschen mit ihren Anliegen kommen und sich am Anfang alles nach Gedankenchaos anfühlt, geht es erst einmal ums Ordnen: Worum geht es der Person eigentlich? Das ist ein wichtiger Schritt, bevor man wirklich ins Arbeiten hineingeht.
Das Zweite ist, dass ich selbst erlebt habe, wie es in Unternehmen abläuft – mit vielen Terminen, Leistungsdruck und Erwartungen, die von außen kommen oder die man an sich selbst stellt. Im beruflichen Coaching weiß ich dadurch, worum es geht, weil ich es erfahren habe. Das gilt aber genauso für die Psychotherapie, denn die meisten Menschen, die zu mir kommen, arbeiten. Ich weiß, wie es ist, wenn man struggelt und Beruf und Privatleben unter einen Hut bringen muss. Das ist gar nicht so einfach.
Adela: Du kennst also KPIs, Deadlines, Feedback- und Mitarbeitergespräche aus eigener Erfahrung. Somit treffen Deine KlientInnen auf jemanden, der das selbst erlebt hat.
Stephanie: Genau, das sind Themen, die in der Praxis ganz oft auftauchen.
Auch Führungskräfte sind bei mir stark vertreten. Sie können es sich meiner Meinung nach nicht mehr leisten, sich nicht damit auseinanderzusetzen, wie es ihren Mitarbeitenden geht.
Das ist ein großes Thema geworden, und da kann man sich nicht mehr davor drücken.
Psychefit: Psychische Gesundheit nimmt man selbst in die Hand
Hat Dein Praxisname „Psychefit“ mit diesem Thema zu tun?
Psychefit ist aus der Überzeugung entstanden, dass es wichtig ist, die psychische Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Psychische Gesundheit ist nichts, was uns einfach passiert – daran muss man konsequent arbeiten, nicht anders als im Fitnesscenter. Man muss die eigene Handlungsfähigkeit trainieren.
In der Therapie und im Coaching sprechen wir da von Selbstwirksamkeit: der Überzeugung, dass ich mit meiner Kompetenz und meinem Handeln mein Leben beeinflussen kann.
Psychotherapie ist ja nicht nur Krankenbehandlung – das ist sie natürlich auch, und das ist ganz wichtig. Aber es gibt auch den Aspekt der Selbsterfahrung: Wir sind angehalten, immer wieder zu reflektieren, wie es uns gerade geht. Und ich sehe da einen sehr positiven Trend. Es kommen viele, vor allem junge Menschen, die sich aktiv mit sich auseinandersetzen wollen. Die sagen: „Ich warte nicht, bis ich an der Wand zerschelle. Ich schaue mir meine Themen an, hinterfrage meine Muster, überlege, wie ich gesunde Beziehungen führen und mein Leben gestalten will.“ Das finde ich großartig.
Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Menschen den Mut fassen, in sich zu investieren, statt zu warten, bis es ihnen irgendwann schlecht geht.
Adela: Ich bin auch sehr dankbar, dass Selfcare immer salonfähiger wird – gerade bei der jungen Generation.
Online-Therapie: Chancen, Hürden und Grenzen
Du hast ein Buchkapitel über technische Schwierigkeiten in der Online-Therapie veröffentlicht. Worum geht es da?
Das Buch ist mit einer Forschungsgruppe aus der Corona-Pandemie heraus entstanden, als die Psychotherapie und die beratenden Berufe plötzlich ins Online-Setting gehen mussten. Wir haben uns angesehen, wie PsychotherapeutInnen in Ausbildung unter Supervision das erleben – das betrifft aber genauso fertige TherapeutInnen. Viele trauen sich nicht ins Online-Setting, dabei ist es eine große Chance, Menschen zu erreichen. Ich habe mich auf die technischen Schwierigkeiten konzentriert, weil davor die meisten einen wahnsinnigen Bammel haben.
Das Paradebeispiel ist die instabile Internetverbindung mit dem berühmten „Hört man mich?“. In der Therapie sind Mimik, Tonfall und Körpersprache wichtig – wenn das Bild verzerrt ist, wird die Arbeit schwieriger. Mittlerweile ist das aber, gerade in Österreich, gut organisiert, und vieles spielt sich eher im Kopf ab.
Mein Tipp: vorab mit den KlientInnen besprechen, was wir tun, wenn die Verbindung weg ist. Dann ist es kein Drama, nur unpraktisch.
Die zweite Hürde: einschätzen, wie fit mein Gegenüber im Online-Setting ist. Gerade ältere Generationen trauen sich oft nicht, zu sagen, dass sie unsicher sind. Es ist unsere Verantwortung, nachzufragen und Erklärungen zur Verfügung zu stellen – ich schicke deshalb am Anfang immer eine Anleitung mit.
Wie ist das 2026 in Deiner Praxis: Wer wünscht sich Online-Sessions, wer kommt lieber persönlich?
Ich glaube schon, dass mehr Menschen online arbeiten möchten – aber das hängt sehr davon ab, ob es um Psychotherapie oder um Coaching geht.
In der Psychotherapie ist den Leuten die Präsenz oft wichtiger, und das unterschreibe ich voll und ganz. Ich muss immer schauen, was bei der Person gerade los ist, was das Krankheitsbild ist, und wir müssen in der Psychotherapie viel Sicherheit geben – das ist in Präsenz leichter. Bei Belastungen wie Burnout oder Depression rate ich vom Online-Setting meistens ab. Oft gehört es ja gerade dazu, sich Zeit zu nehmen, irgendwohin zu fahren und etwas für sich zu tun.
Im Coaching erlebe ich, dass mehr Menschen online wollen: wenn es um Prävention geht, wenn die Leute fit genug sind, viel unterwegs sind und beruflich reisen. Hin und wieder fragen sie dann, ob sie auch einmal vorbeikommen können – das finde ich großartig, denn Präsenz ist natürlich etwas anderes.
Zuletzt habe ich außerdem viele Anfragen von Müttern bekommen. Ein Familienalltag ist ja auch ein Unternehmen, das man zu Hause schupft.
Da darf man sich damit auseinandersetzen, wie es einem geht. Mütter können aber schwer weg – und Väter genauso. Es ist ein toller Trend, dass mehr Väter zu Hause bleiben und sich auch melden und sagen: „Ich möchte online ein bisschen arbeiten, das geht sich für mich gut aus.“
Gibt es auch Schattenseiten und Grenzen der Online-Therapie, die Du ergänzen möchtest?
Online-Therapie ist nicht für jeden geeignet. Und man muss sich als TherapeutIn oder CoachIn fragen: Kann ich das – und will ich das? Wenn ich mich mit dem Setting nicht wohlfühle oder überfordert bin, bringt das nichts, denn wir sind diejenigen, die in unserer Profession Sicherheit geben müssen, nicht umgekehrt. Dann ist es besser, bewusst nicht online zu arbeiten.
Adela: Nicht auf Biegen und Brechen, also – es muss eine Passung geben und die Methode muss die KlientInnen auch erreichen.
Genau, und das gilt auch für die KlientInnen: Sie sollen sich nicht in etwas hineintheatern [Anm.: zu etwas überreden] lassen. Außerdem sollte man sich überlegen, ob das eigene Zuhause überhaupt dafür ausgerichtet ist. Wenn ständig der Partner oder die Partnerin reinplatzt, die Kinder da sind oder es läutet und bimmelt, kann man sich nicht konzentrieren.
Ich sage am Anfang immer: Bitte einen geschützten Raum wählen, wo niemand zuhört, wo man Privatsphäre hat und sich öffnen kann. Gibt es den nicht, rate ich von der Arbeit online ab.
In der Anleitung stehen auch ganz praktische Dinge: ein Glas Wasser bereitstellen und nach der Session bewusst aus dem Setting rausgehen. Wenn man in meiner Praxis sitzt, geht man danach ja wieder hinaus und verlässt das Gesprächs-Setting – zu Hause sitzt man dagegen mitunter weiterhin im selben Raum des Gesprächs herum. Deshalb mein Tipp: eine Runde um den Block, ein bisschen in den Garten, und das Ganze wieder abschütteln.
Wie siehst Du das Thema Datenschutz bei Online-Sessions?
Ich habe es mir da sehr einfach gemacht: Ich führe meine Sessions über eure Praxissoftware, bei der ich weiß, dass sie datengeschützt ist. So unspektakulär es klingt, würde ich jedem empfehlen, sich zu informieren, welche Plattformen es am Markt gibt, auf die man sich mit gutem Gewissen verlassen kann.
Adela: Das überrascht mich immer wieder, wenn man hört, was andere in der Praxis nutzen – teilweise ohne Garantie, wo die Daten gespeichert sind und was damit passiert. KlientInnen- und PatientInnendaten haben die höchste Sicherheitsstufe. Informiert euch und nutzt sichere Leitungen!
Praxisführung: Zeit, Preise und Marketing
Wie kümmerst Du Dich neben der Arbeit als Therapeutin und Coach um Organisation, Preise, Marketing und Co.?
Diese Aufgaben fallen in der Selbstständigkeit einfach an – die können wir uns nicht wegdenken. Fachliche Expertise allein reicht nicht für eine erfolgreiche Praxis, die ja auch ein Unternehmen ist. Drei Punkte sind mir dabei wichtig:
- Zeiteinteilung: Viele überladen sich mit KlientInnen und merken am Ende des Tages, dass keine Zeit mehr für Organisatorisches bleibt. Dann sitzt man abends und am Wochenende und kann sich nie erholen. Aus der Wirtschaft habe ich mir früh angeeignet, Zeitblöcke im Kalender zu blockieren, in denen ich ganz sicher keine One-on-One-Settings habe, sondern Zeit für Praxisverwaltung, Buchhaltung oder die Vorbereitung von Workshops und Vorträgen. Praxisverwaltungsprogramme sind dabei eine große Hilfe, aber man muss sich trotzdem die Zeit nehmen und im Blick behalten, was alles zu tun ist – zum Beispiel mit einer Wochen-To-do-Liste.
- Preisgestaltung: Für viele in therapeutischen und sozialen Berufen ist das eine große Herausforderung. Ich rate dazu, den Mut zu fassen und sich zu fragen: Was ist meine Leistung wert? Es geht nicht darum, möglichst teuer zu sein, sondern darum, sich die eigenen Ausgaben anzusehen – und Ausbildungen sind meistens sehr teuer.
Man darf zu seiner Leistung stehen. Viele haben den Eindruck, sie dürften das nicht, weil es ein Sozialberuf ist, aber unsere Arbeit ist auch sehr anstrengend.
- Marketing: Be bold. Geh raus und überleg Dir, wie Du Dich am besten präsentieren möchtest. Viele glauben, Werbung zu machen sei unverschämt oder aggressiv. Dabei ist es doch toll, zu zeigen, was man anbietet – ganz viele Menschen bekommen das sonst gar nicht mit. Wir sollten präsent sein und sagen: „Das ist mein Angebot, vielleicht passt das für Dich.“ Die Leute, die das wollen, kommen ohnehin, und die anderen kommen nicht in die Praxis.
Reality Check, mentale Fallen und ein Tipp für mehr Zufriedenheit
Was war Deine größte Überraschung im ersten Jahr als Therapeutin in freier Praxis?
Dass es so viele Anfragen gab. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist nicht selbstverständlich. Gleichzeitig hatte ich den Anspruch, allen zu helfen, und plötzlich wurde es schnell sehr viel. Das ist wieder ein Selbstfürsorge-Thema: Man muss sich gut überlegen, wie viele One-on-One-Settings pro Woche für einen selbst möglich sind – und das ist für jeden anders.
Ich habe am Anfang ein bisschen zu viele Leute bedient und bald gemerkt, dass das für mich nicht funktioniert. Mir ist die Qualität meiner Arbeit sehr wichtig, und ich habe heute klar, wie viele KlientInnen ich pro Woche betreuen möchte. Mein Tipp an die Community: Sei ehrlich mit Dir, wieviel Du arbeiten kannst und willst – und denk daran, dass daneben noch andere Aufgaben warten. Der Reality-Check war also: viele Anfragen und die Frage nach der eigenen Kapazität.
Was sind die größten mentalen Fallen für Praxisleitungen und selbstständige TherapeutInnen?
Ich sehe vor allem zwei. Die erste: „Ich muss so sein wie die anderen.“ Der Austausch mit KollegInnen ist ganz wichtig und gesund – wir sollten uns vernetzen, darüber sprechen, was nicht gut läuft, und uns Inspiration holen. Gefährlich wird es, wenn man kopiert, was andere machen, die erfolgreich sind – viel Social Media, viele KlientInnen pro Woche –, obwohl es eigentlich nicht zu einem passt. Dann ist man vielleicht eine Weile finanziell erfolgreich, aber es tut einem nicht gut, und langfristig hält man das nicht durch.
Ich ermutige dazu, immer wieder zu fragen: Passt das zu mir?
Die zweite Falle ist die Annahme, fachliche Kompetenz reiche aus. Es ist völlig normal, dass man am Anfang glücklich ist, das erworbene Wissen auszuprobieren und bekannter zu werden. Aber eine Praxis braucht daneben noch vieles andere – und auch die Selbstfürsorge braucht Zeit.
Wenn Du unseren HörerInnen nur einen Tipp für mehr berufliche Zufriedenheit mitgeben könntest – welcher wäre das?
Bau Dir eine Praxis auf, die zu Deinen Bedürfnissen und Deiner aktuellen Lebenssituation passt, und ordne nicht Dein Leben Deiner Praxis unter. Sei ehrlich mit Dir: Wie möchte ich arbeiten? Wie viel? Was möchte ich anbieten?
Und ein ganz konkreter Tipp zum Mitnehmen: Schnapp Dir jemanden, dem Du vertraust – eine Freundin, einen Kollegen, eine Supervision, Psychotherapie oder Coaching, ganz egal, was für Dich am besten passt – und besprich unverblümt, wie es Dir gerade im Beruf geht. Nicht „läuft eh gut“, sondern: Was ist gerade der Deal? Wenn ich den Modus, in dem ich gerade arbeite, die nächsten zehn Jahre fahren müsste – wie geht es mir damit? Was löst das in mir aus?
Kontakt zu Stephanie Stotzingen
Alle Leistungen rund um Psychotherapie, Beratung und Coaching findest Du auf der Website von Psychefit:
- Website: psychefit.at
- E-Mail: praxis@psychefit.at
- Instagram: instagram.com/psychefit.at/
Der appointmed Newsletter 📨
100% Information – 0% Spam. Erhalte alle News rund um appointmed bequem in Dein Postfach. Regelmäßig laden wir Dich auch zum exklusiven Testen neuer, bisher unveröffentlichter Funktionen ein.AutorIn Info




